PETER GESSMANN · ATELIER

Vom
Schöpfen

Über das Beobachten, Verstehen und Entstehenlassen.

Ich habe nie besonders gut zwischen Kunst, Handwerk und Technik unterscheiden können.

Vielleicht wollte ich es auch nie.

Für mich beginnt vieles mit Beobachten. Dann kommt die Frage, wie etwas funktioniert. Und irgendwann der Wunsch, selbst etwas daraus zu machen.

Manchmal reicht dafür ein Pinsel.

Manchmal muss zuerst das Werkzeug entstehen.

01

Die brennende Stadt

An mein erstes Bild, das mir in Erinnerung geblieben ist, kann ich mich noch gut erinnern.

Ich war ungefähr fünf Jahre alt und hatte zum ersten Mal die Geschichte vom großen Brand in Kufstein gehört. Die Vorstellung einer brennenden Stadt ließ mich nicht mehr los.

Also malte ich sie.

Mit Wasserfarben.

Eine Kunstprofessorin, die das Bild sah, war davon erstaunlich beeindruckt. Ob es tatsächlich so gut war, weiß ich heute nicht mehr.

Wichtiger ist mir im Rückblick etwas anderes:

Ich hatte etwas gehört, in meinem Kopf war daraus ein Bild entstanden – und dieses Bild musste irgendwie heraus.

Daran hat sich bis heute nicht besonders viel geändert.

Nicht das Größte.
Nicht das Stärkste.
Das Funktionierende.

02

Beobachten

Ich habe als Kind viel gezeichnet, gemalt, gebaut und konstruiert.

Nicht unbedingt, weil ich Künstler werden wollte. Vieles davon waren eher Versuche. Studien. Kleine Simulationen der Wirklichkeit.

Mich interessierte, wie etwas funktioniert.

Vielleicht habe ich dadurch früh gelernt, genau hinzusehen. Nicht unbedingt das Größte oder Stärkste fand ich interessant, sondern das Funktionierende.

Und zunehmend das Schöne.

Schönheit und Funktion waren für mich dabei nie wirkliche Gegensätze.

Etwas verstehen zu wollen und etwas gestalten zu wollen, entspringt für mich bis heute derselben Neugier.

03

Der Plotter

Mit ungefähr siebzehn kam ich über eine Konkursmasse an einen Folienplotter.

Das war in den 1990er-Jahren, und mit Autobeschriftungen ließ sich damit erstaunlich ordentlich Geld verdienen.

Plotter hatten damals auch andere.

Interessant wurde es bei den Dingen, die sich nicht einfach plotten ließen.

Komplizierte Logos mussten zuerst in Vektoren übersetzt werden. Automatisches Tracing, wie wir es heute kennen, war praktisch keine brauchbare Lösung.

Also wurden Formen nachgebaut. Kurven konstruiert. Proportionen untersucht.

Irgendwann kamen gerade jene Leute zu mir, deren Vorlagen anderen zu kompliziert waren.

Wenn das Werkzeug etwas nicht kann, muss man entweder einen anderen Weg finden – oder das Werkzeug verändern.

04

Was der Computer
nicht konnte

Nebenbei arbeitete ich viel im grafischen Bereich. Computer waren längst selbstverständliche Werkzeuge geworden.

Während meiner Schulzeit in der Oberstufe entdeckte ich in den Gästebüchern von Studentenverbindungen etwas völlig anderes: alte Couleurmalereien, handgeschriebene Widmungen, Wappen und Illustrationen.

Ich wollte solche Arbeiten selbst machen.

Nur: Wie bringt man damals eine individuelle, farbige Gestaltung mitten auf eine Seite eines gebundenen Buches?

Gar nicht.

Jedenfalls nicht mit den Mitteln, die mir zur Verfügung standen.

Also blieb die naheliegende Lösung:

Ich musste malen.

Damit begann meine Couleurmalerei.

05

Drei Bilder für die Kunstgeschichte

In dieser Zeit entstanden auch drei großformatige Airbrush-Arbeiten auf Holzplatten.

Der Beweggrund dafür war weniger kunsthistorisch bedeutsam.

Ich war jung und wollte Mädchen beeindrucken.

Es hat immerhin dazu geführt, dass ich großformatig zu arbeiten begann.

Manchmal darf der Weg zur Kunst auch einfach sein.

06

Korruptis Couleurmalerei

Dass daraus einmal ein Geschäft werden würde, war nicht meine Idee.

Ein jüngerer Freund aus meiner Studentenverbindung richtete irgendwann eine Facebook-Seite für meine Arbeiten ein:

„Korruptis Couleurmalerei“.

Korrupti ist mein Verbindungsname. Während ich mir den aussuchen musste, lief „Tango Korrupti“ im Radio.

Und tanzen kann ich nicht.

Über die Seite meldeten sich immer häufiger Menschen, die Arbeiten haben wollten. Irgendwann kamen auch Anfragen von außerhalb des Verbindungswesens.

Ich übernahm die Seite.

Aus den Arbeiten wurde langsam ein Atelier.

Und weil passende Domains mit meinem Familiennamen längst vergeben waren und mir partout kein Künstlername einfallen wollte, wurde aus Peter Gessmann schließlich pgessmann.

Ein wenig in Anlehnung an Namen wie h. c. artmann.

Kleine Buchstaben. Kein Punkt.

Es sollte schließlich auch als Domain funktionieren.

07

Zurück zur Schrift

Computer machten Grafik immer leichter zugänglich.

Das war gut.

Das Ergebnis war es nicht immer.

Irgendwann konnte ich Speisekarten mit sieben Schriftarten, schlecht gesetzte Texte und Urkunden, bei denen Buchstaben scheinbar zufällig nebeneinanderstanden, nicht mehr sehen.

Je selbstverständlicher digitale Gestaltung wurde, desto mehr begann mich das Wissen zu interessieren, das dabei verloren ging.

Typografie ist mehr als die Wahl einer Schriftart.

Schrift hat Rhythmus. Abstand. Gewicht. Proportion.

Und Sprache verdient Sorgfalt.

Ich begann, mich immer intensiver mit alten Handschriften zu beschäftigen.

Und wieder von Hand zu schreiben.

Gästebücher. Widmungen. Urkunden.

Nicht aus Ablehnung des Computers.

Vielleicht gerade deshalb, weil ich ziemlich genau wusste, was er konnte.

Und was nicht.

08

Wie vervielfältigt man ein Original?

Eine handgeschriebene Urkunde ist ein Einzelstück.

Das ist schön.

Nur braucht ein Musikverein vielleicht dreißig davon.

Dreißig vollständig von Hand gestaltete Urkunden sind nicht für jeden Anlass eine vernünftige Lösung.

Also stellte sich wieder eine technische Frage:

Wie lässt sich etwas vervielfältigen, ohne dass es seinen handwerklichen Charakter verliert?

Die Antwort führte mich zu einer Technik, die Jahrhunderte älter ist als der Laserdrucker:

zur Radierung und zum Kupferstich.

09

Der Zufall darf mitarbeiten

Beim Kupferstich und bei der Radierung änderte sich etwas.

Bis dahin hatte ich meist eine ziemlich genaue Vorstellung vom Ergebnis.

Ein Logo muss stimmen.

Ein Wappen ebenfalls.

Eine Urkunde hat ihren Text, ihren Aufbau und ihren Zweck.

Eine Kupferplatte kann widerspenstiger sein.

Man kann sie ritzen, ätzen, zerkratzen. Farben übereinanderlegen. Farbe wieder wegnehmen. Drucken.

Und dann das Papier von der Platte heben und etwas sehen, das man so nicht vollständig vorausgesehen hat.

Anfangs war das ungewohnt.

Dann wurde gerade das interessant.

Das Ergebnis nicht kennen – und trotzdem bewundern.

Zum ersten Mal wollte ich nicht mehr jede Einzelheit kontrollieren.

Die Platte durfte mitarbeiten.

10

Zeit zum Malen

Von dort war der Weg zur Malerei plötzlich ein anderer.

Nicht mehr nur eine vorher feststehende Vorstellung möglichst genau umsetzen.

Sondern sehen, was während der Arbeit entsteht.

Acrylfarbe war mir dafür irgendwann zu schnell.

Sie trocknet.

Sie entscheidet.

Ölfarbe lässt sich Zeit.

Und sie gibt mir Zeit.

Ein Bild kann über Tage und Wochen entstehen. Ich kann hineinmalen, wieder herausnehmen, überarbeiten, verändern und neu beginnen.

Das erste kleine Ölbild, bei dem ich das Gefühl hatte, wirklich stolz auf das Ergebnis zu sein, war „Die Hopfenernte“.

Dort möchte ich irgendwann weiterarbeiten.

Nicht unbedingt an diesem Bild.

Aber an dieser Art zu malen.

11

Etwas zum Begreifen

Der Weg zur Skulptur begann, wie einige meiner Wege, mit einem ziemlich konkreten Problem.

Ich wollte eigene Bier- und Weinzipfel herstellen – quasi metallene Freundschaftsbänder unter Studenten.

Also musste Metall gegossen werden.

Dafür brauchte ich einen Schmelzofen.

Also baute ich einen.

Zuerst mit Kohle und Belüftung. Das Radialgebläse entstand ebenfalls selbst.

Später wurde daraus ein Gasofen mit umgebauten Brennern.

Für geschmolzenes Metall braucht man Tiegel.

Die ersten entstanden aus Lehm aus dem eigenen Garten.

Dabei lernte ich nebenbei, wie man Ziegel brennt.

Dann brauchte ich Formen.

Aus Gips.

Und um die Formen herzustellen, entstand meine erste CNC-Maschine.

Sie war eine Katastrophe.

Fräser gingen kaputt. Gipsstaub fand Wege in Motoren, von denen ich bis dahin nicht wusste, dass sie existierten. Vieles funktionierte überhaupt nicht.

Einige Formen allerdings schon.

Schließlich entstand noch eine Schleudergussmaschine.

Angetrieben von einem Waschmaschinenmotor.

Waschmaschinenmotoren sind gut.
Und steuerbar.

12

Begreifen

Das Metallgießen pausiert heute.

Geblieben ist etwas anderes.

Die Faszination dafür, dass aus einer Vorstellung ein Gegenstand wird.

Etwas Dreidimensionales.

Etwas, um das man herumgehen kann.

Etwas, das Gewicht hat, eine Oberfläche und eine Temperatur.

Etwas, das man in die Hand nehmen kann.

Man kann es begreifen.

Vielleicht sehe ich deshalb die Grenze zwischen Skulptur und Gebrauchsgegenstand weniger streng.

Auch ein Relief kann Skulptur sein.

Und vielleicht sogar ein Becher aus Holz.

Entscheidend ist für mich nicht, in welche Schublade er gehört.

Sondern was aus dem Material geworden ist.

13

Holz

Die CNC-Maschine führte schließlich zu Holz.

Und Holz blieb.

Aus Experimenten mit dreidimensionalen Formen entstanden Reliefs. Aus Reliefs entstanden Bergleuchten.

Die Technik wurde besser.

Die Maschinen wurden besser.

Also musste natürlich irgendwann auch die Software besser werden.

Und wenn vorhandene Software nicht genau das tut, was ich brauche, lande ich wieder ziemlich genau dort, wo diese Geschichte schon mehrfach war:

Dann muss ich sie eben selbst schreiben.

So entstand aus einem Teil des Ateliers schließlich etwas Eigenes.

tirolig.

Eine Marke für Arbeiten aus Holz.

Heute nimmt ihre Entwicklung einen großen Teil meiner Arbeit ein.

Das ist gut so.

Aber pgessmann ist mehr als tirolig.

Und soll es bleiben.

14

Vom Schöpfen

Ich empfinde Programmieren nicht grundsätzlich anders als Malen oder eine Skulptur zu schaffen.

Die Werkzeuge sind andere.

Die Technik ist eine andere.

Aber zuerst gibt es etwas, das noch nicht existiert.

Dann beginnt die Arbeit.

Man versucht. Verwirft. Verändert. Versteht etwas besser. Beginnt manchmal noch einmal.

Und irgendwann ist etwas da.

Vielleicht ist es genau dieser Zustand, den ich am Schaffen mag.

Die Konzentration wird so groß, dass Zeit nebensächlich wird.

Ob nach vielen Stunden Programmieren, beim Schreiben einer Urkunde, an einer Kupferplatte oder vor einem Ölbild.

Etwas wächst.

Für mich ist das Schöpfen.

Es zählt
das Werk.

Vielleicht ist das am Ende alles, was ich über Kunst sagen kann.

Ein Werk sollte für sich stehen können.

Wenn ich danebenstehen und erklären muss, warum es gut, schön oder bedeutend ist, habe ich meine Arbeit nicht getan.

Man kann viel über Ideen reden.

Interessant wird es für mich erst, wenn etwas daraus entsteht.

Ein Bild.
Eine Schrift.
Ein Druck.
Eine Form.

Manchmal auch eine Maschine.

Der Rest sind Worte.